Süße Erinnerungen - Artikel in der Effilee

01.08.2010 18:18 |  Kategorie: Presse, Internet

Transskription des Artikels "Süße Erinnerungen" von Manuela Rüther, erschienen in der Effilee Juli/August 2010.

 

Süße Erinnerungen

Screenshot EffileeMuna Nazzals arabische Süßigkeiten helfen gegen Heimweh, und garantiert auch gegen andere Sorgen.

Muna Nazzal kam vor 36 Jahren aus Palästina nach Deutschland. 1986 eröffnete sie in Köln das Al Salam, ein arabisches Restaurant. Halwiaat, arabische Süßigkeiten, sind die lebendigste Erinnerung an ihre Familie und ein süßes Mittel gegen Heimweh.


Muna Nazzal ist eine schöne Frau mit schwarzem, glänzendem Haar, aufmerksamen dunklen Augen und einem wohlgeformten Mund. 1974 kam sie mit ihrem Mann aus Palästina nach Deutschland, seit mehr als 20 Jahren führt sie in Köln ein arabisches Restaurant. Die süßen Kleinigkeiten, die es dort gibt, stellt sie nach alten Familienrezepten her. Deshalb sind es für sie viel mehr als Leckereien: In jedem Gebäck ruht ein Stück ihrer Vergangenheit, in jedem Dessert sind die Gerüche und Geschmäcker ihrer Kindheit, Erinnerungen an ihre Familie konserviert. Zum Beispiel in Muhallabia, einer arabischen Süßspeise. "Das war das Lieblingsdessert meines Vaters", erzählt die Mutter vier inzwischen erwachsener Kinder. "Morgens um fünf, bevor er in seine Metzgerei ging, hat er immer eine Portion gegessen."


Nachdem sie nach Deutschland gezogen war, vermisste Muna Nazzal, die ihr Alter nicht verraten möchte, ihre Eltern und ihre Schwester, doch "wir hatten weder Geld noch Zeit, nach Palästina zu reisen. Zum Trost schickte mir meine Familie kistenweise Konafah Nablusieh, meinen Lieblingskuchen. Er stammt aus der Stadt Nablus, ganz in der Nähe unseres Heimatdorfes. Konafah ist bestimmt das kalorienreichste Dessert der Welt, aber ich kenne kein besseres Mittel gegen Heimweh."


Zu Hause, erzählt sie weiter, habe ihr Onkel riesige Bleche Konafah auf glühender Holzkohle gebacken. Deshalb bereite sie das Dessert bis heute auf ihrem Grill zu. Das sei zwar nur ein gasbetriebener Lavasteingrill – aber immerhin. Die professionellen Konafah-Bäcker in Nablus hätten mittlerweile spezielle Formen mit integrierten Gasspiralen, sagt sie, aber schließlich verkauften die pro Tag mehrere Hundert Kilo. Auch zu den Quataif hat sie ein ganz persönliches Verhältnis: "Wenn wir Quataif zu Hause gebacken haben, war die ganze Familie beteiligt. Das lief wie am Fließband: Einer hat die Pfannkuchen gebacken, einer hat sie gefüllt, einer zugeklebt und so weiter. Ich liebe das! Manchmal treffe ich mich mit meinen Freundinnen, wir trinken Tee, reden und backen den ganzen Nachmittag."


Später sitzen wir alle zusammen in der Küche. Muna Nazzals Ehemann Salman, der früher Sachbearbeiter beim Arbeitsamt war und heute im Restaurant hilft, ist ebenso dazugekommen wie ihre Söhne Rami und Mohammad, die beide studieren. Wir essen Konafah, die wirklich süchtig macht. Da bekommt man selbst als Europäer Sehnsucht nach einem Land, das man gar nicht kennt.